Die Schwestern von Prag

Katrin Dennerlein: Kap. 3.2 Reformkomödie im Hanswurststreit – Singspiel mit Kasperl – Singspielposse. Hafner: Der von dreyen Schwiegersöhnen geplagte Odoardo, oder Hannswurst und Crispin die lächerlichen Schwestern von Prag (W 1762) – Perinet/Müller: Die Schwestern von Prag (W 1794/H 1799). In: Dies.: Materialien und Medien der Komödiengeschichte. Zur Praxeologie der Werkzirkulation zwischen Hamburg und Wien von 1678–1806 (Studien und Texten zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur 152). Berlin/New York: de Gruyter 2021, S. 105-164.

Das Unterkapitel untersucht, wie die Komödie in Wien inmitten der Reformdebatte um den Hanswurst ein eigenes Reformmodell entwickelte – nicht durch Abschaffung der komischen Figur, sondern durch ihre Domestizierung und musikalische Integration.

Wien – Kärntnertortheater und Hanswurststreit

Das Kärntnertortheater war seit 1712 das erste stehende deutschsprachige Schauspielhaus im Reich. In den 1740er Jahren wuchs das Ensemble für das Stegreifspiel erheblich: Neben Hanswurst (seit 1726 von Gottfried Prehauser gespielt) traten Bernardon (Kurz), Odoardo (Weiskern), Kasperl, Jackerl und weitere Typenfiguren auf. Gleichzeitig drang die aufklärerische Reformbewegung nach Wien ein. Das 1752 erlassene Extemporierverbot (das sogenannte Norma-Edikt Maria Theresias) richtete sich vor allem gegen die Bernardoniaden von Kurz, deren regellose Episodenstruktur und Stegreifeinlagen dem aufklärerischen Programm widersprachen.

Der sogenannte Hanswurststreit – ein publizistischer Kampf um die komische Figur – wird in neuerer Forschung differenzierter gesehen: Die symbolische Vertreibung des Hanswurst durch Gottsched und die Neuberin war eher ein theaterpraktisch und persönlich motivierter Schachzug denn ein echter Epochenbruch. In Wien verlief die Debatte anders als im Norden: Es ging um Modifikation, nicht um Elimination. Schlüsselfigur war Friedrich Wilhelm Weiskern als inoffizieller künstlerischer Leiter des Kärntnertortheaters, der zugleich Stegreifschauspieler, Aufklärer und Korrespondent Gottscheds war.

Hafner: Odoardo (1762)

Philipp Hafner reagierte 1762 auf die Hanswurst-Debatte nicht mit einem Traktat, sondern mit einer Komödie in drei Akten samt einaktigem Vorspiel. Er entwarf eine komische Figur, die den Regeln der Wahrscheinlichkeit genügt, vollständig ausformulierten Text besitzt und dennoch komisch wirkt – ohne Extempore, ohne Unflätigkeiten. Hanswurst wird bei Hafner als listige, nicht obszöne Figur konzipiert. Der Odoardo positioniert sich damit als Reformkomödie: Er zeigt, dass komische Wirkung auch ohne die Mittel der Stegreifburleske möglich ist. Dabei verzichtet Hafner auf das Repertoire von Wein, Weib und Gesang, das seit der Wanderbühne zur Hanswurst-Figur gehört.

Perinet/Müller: Die Schwestern von Prag (1794/1799)

Dreißig Jahre später – nun am Theater in der Leopoldstadt – griff Joachim Perinet Hafners Stoff auf und verwandelte ihn in ein Singspiel für Johann Laroches Kasperl-Figur. Die komische Textur wurde erheblich angereichert: Papendeckel wurde als parodistischer Nebenbuhler konzipiert, der in heroischen Alexandrinern spricht (deren Pathos durch banale Situationen, derbe Worte und misslungene Vergleiche gebrochen wird), Fäkalkomik trat hinzu, die Verkleidungsszenen wurden musikalisch ausgestaltet. Das Stück wurde zu einem der erfolgreichsten Stücke des Wiener Volkstheaters.

Musikanalysen

Die Analysen zur Musik Wenzel Müllers zeigen, wie komische Inkongruenzen im Text auf musikalischer Ebene gespiegelt und verstärkt werden:

  • Krispins Vorstellungslied („Ich bin der Schneider Wetz und Wetz“): Allegretto in B-Dur, 2/4-Takt, drei kurze Motive mit Quart-, Quint- und Sextsprüngen. Die Violinen doppeln oder umspinnen die Singstimme in Achteln und Sechzehnteln. Krispin singt Tenor – eine Stimmlage, die traditionell für jugendliche Liebhaber reserviert und dort rhythmisch und melodisch komplex gestaltet ist. Die schematische Melodieführung dieser Tenorrolle bildet dadurch selbst eine musikalische Inkongruenz.
  • Johanns Eintrittslied (G-Dur-Allegro, 6/8-Takt): Die Vielzahl kleiner Notenwerte signalisiert geistige Beweglichkeit – im witzigen Kontrast zu seinem sprechenden Namen „Schneck“. Ein Wechsel vom Arco zum Pizzicato markiert Johanns Einfallsreichtum. Die Harmonik bleibt auf den Wechsel von Tonika und Dominante beschränkt.
  • Das Kriechen-Duett (Johann überredet Kaspar): Der 6/8-Takt wechselt zu geradem Vierteltakt, als Johann sich Kaspar angleicht. Nachschlagende Akkorde in der Begleitung unterwandern – wie Johanns Worte selbst – die übliche Taktbetonung. Wenn Johann so tut, als ob er sich gegen das Kriechen sperrt, findet sich an genau dieser Stelle der Nachschlag: Das Metrum enthält selbst eine Inkongruenz.
  • Papendeckels Wechselgesang mit Krispin: Papendeckels heroische Liebeserklärung wird durch Krispins obszöne Kommentarreime kontrastiert. Der Gleichklang im Endreim verschärft den inhaltlichen Kontrast noch.

Komik und Dramaturgie

Ein entscheidender Unterschied zwischen Hafner und Perinet: Bei Hafner reagieren Bühnenfiguren noch nicht nach Wahrscheinlichkeitsregeln auf das Lächerliche – das Publikum lacht, ohne dass es innerfiktionale Reaktion gäbe. Bei Perinet fungieren Mitzerl und Lorchen als Reflektorfiguren, die das Gelächter auf der Bühne mit dem Publikum teilen. Das markiert den Übergang zu einer neuen komischen Ästhetik mit mimetischen Ansprüchen an Figur und Handlung.

Texte und Noten

Die reisenden Komödianten, oder der gescheide und dämische Impressario, ein Lustspiel von einer Abhandlung, Verfasset von Philipp Hafner. Wien, gedruckt und zu finden bey Joseph Kurzböken, Univ. Buchd. in der Bognergasse im hofglaserischen Hause. [1762]. [Hofbibliothek Thurn und Taxis Regensburg (Sigle: 76), Beibindung in einem Band mit komischen Schriften ohne eigenen Titel].
Abgekürzt als Odoardo und zitiert mit der Sigle H.

Die Schwestern von Prag: Als Singspiel in 2 Aufz. nach dem Lustspiele des Weyland Herrn Hafner, für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Perinet, Theaterdichter und Mit- glied dieser Gesellschaft. Die Musik ist von Wenzel Müller, Kapellmeister dieser Bühne. Wien, gedruckt bey Mathias Andreas Schmidt, kaiserl. königl. Hofbuchdrucker 1794. [ÖNB 2316-A-AltMag] .
Abgekürzt als Schwestern von Prag und zitiert mit der Sigle P 1794.

Die Schwestern von Prag: Als Singspiel in 2 Aufzügen. Nach dem Lustspiel des Weyland Herrn Hafner für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Ferdinand Perinet. Die Musik ist von Herrn Wenzel Müller, Capellmeister eben dieser Bühne. Aufgeführt auf dem k. k. privileg. Marinellischen Theater. [1795] [Textbuch 55 Bl.] [ÖNB Mus.Hs.19906 Mus], II,20. Zu die- sem handschriftlichen Textbuch liegt in der Musiksammlung auch noch ein Szenarium (8 Bl.) vor [ vgl. ÖNB Mus.Hs.19907] sowie neun Rollen (78 Bl.) [vgl. ÖNB Mus.Hs.19908].

Die Schwestern von Prag. Als Singspiel in zwei Aufzügen nach dem Lustspiel des Weyland Herrn Hafner für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Ferdinand Perinet. Die Musik ist von Herrn Wenzel Müller, Chapellmeister eben dieser Bühne. Aufgeführt auf dem k. k. privileg. Marinellischen Theater, Textbuch handschriftlich [ÖNB Mus.Hs.19906 Mus] [ÖNB Mus.Hs.19907 Mus (Szenarium)].

Die Schwestern von Prag: Ein Lustspiel von Philip Haffner, übersetzt von Joachim Perinett. Die Musik ist von H. Wenzel Müller, Kapellmeister. Wien im Februar 1794. [Partitur-Hs] [ÖNB Mus.Hs.19904] [ÖNB Mus.Hs.19908 (9 handschriftl. Rollen)].

Arien und Gesänge aus dem Singspiel: Die Schwestern von Prag in zwei Aufzügen. Die Musik ist von Herrn Kapellmeister Müller. Berlin 1795. [SUB Gc/Sep A5 73].

Die Schwestern von Prag. Ein Singspiel in zwey Aufzügen. Von Joachim Perinet. Die Musik ist vom Herrn Wenzel Müller. Nürnberg, gedruckt bey Michael Joseph Schmid, 1796. [BSB Slg. Her 192a].

Die Schwestern von Prag: Komisches Singspiel in 2 Aufzügen; Inspektionsbuch / nach Hafner von Perinet. Die Musik ist vom Herrn Kapellmeister Wenzel Müller. [Hamburg], [um 1799]. [Hs] [SUB TB 1489a].

Die Schwestern von Prag: komisches Singspiel in 2 Aufzügen; Soufflierbuch / nach Hafner von Perinet. Die Musik ist vom Herrn Kapellmeister Wenzel Müller. [Hamburg], [um 1799]. [Hs] [SUB TB 1489b].
Abgekürzt als Schwestern von Prag und zitiert mit der Sigle P 1799.

Die Schwestern von Prag: Ein komisches Singspiel in zwey Aufzügen nach dem Lustspiel des Philipp Haffner / neu bearbeitet von Joachim Perinett. Musick von Wenzel Müller. Wien im Februar 1794. [Partitur-Hs] [SUB TBR 91:1-2].
Abgekürzt als Partitur der Schwestern von Prag und zitiert mit der Sigle M 1799

Die Schwestern von Prag: Als Singspiel in 2 Aufz. nach dem Lustspiele des Weyland Herrn Hafner, für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Perinet, Theaterdichter und Mit- glied dieser Gesellschaft. Die Musik ist von Wenzel Müller, Kapellmeister dieser Bühne. Wien 1800.

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