Digitalisierung von Libretti der Hamburger Gänsemarktoper 1678-1738

Zusammen mit Dr. Christian Reul und unter Mitarbeit von Maximilian Wehner, Maximilan Nöth, Johannes Leitgeb (Zentrum für Philologie und Digitalitäte „Kallimachos“) und Nadine Kastenhofer werden in diesem Projekt 20 Libretti der Hamburger Gänsemarktoper aus dem Zeitraum von 1678 bis 1730 mit OCR4all digitalisiert.

Ziel ist eine Erweiterung des historisch und systematisch lückenhaften digitalen Korpus‘ zum deutschssprachigen Theater im 16. Und 17. Jahrhundert um einflussreiche musiktheatrale Texte aus der Zeit um 1700. Eine besondere Herausforderung ist das komplexe Layout und die Erkennung zusammengehörender Textteile (etwa Sprecher und gesprochener Texte, Repliken und Regieanweisungen). Zur Erkennung der verschiedenen Frakturschriften werden die Algorithmen aus OCR4all trainiert.)

Ziel ist die Erfassung dieser Libretti im Volltext, so dass eine Auswertung mit Methoden der quantitativen Textanalyse möglich wird. Im DFG-Projekt „Emotions in drama“ werden diese Dramen z.B. auf Ihre Emotionen hin untersucht. Erste Ergebnisse dazu werden Ende 2021 vorliegen.

Vorträge
  • PD Dr. Katrin Dennerlein/ Christian Reul:
    Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Forschungspotential der Digital Humanities in der Buch- und Literaturwissenschaft”an der LMU München: „Mind the Gap – Über die Digitalisierung einer Lücke in der Literaturgeschichtsschreibung” am 14.07.2021
    Folien

Goethezeit

Einreichung eines Vollantrages im Programm der Union der Akademien für das Langzeitprojekt „Schrift – Zeichnung – digitaler Raum. Der Nachlass Martin von Wagners und die Antikenrezeption nach 1800“ zs. mit Prof. Damian Dombrowski und Prof. Jochen Griesbach von der Uni Würzburg im Oktober 2022.


Roman

zs. mit Elisabeth Böhm: Einleitung. In: Der Bildungsroman im literarischen Feld. Neue Perspektiven auf eine Gattung. Hg. zs. mit Elisabeth Böhm. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur) Berlin/New York: de Gruyter 2016, S. 1–12.

Der Bildungsroman im literarischen Feld. Neue Perspektiven auf eine Gattung. Hg. zs. mit Elisabeth Böhm. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur) Berlin/New York: de Gruyter 2016.

Wielands Geschichte des Agathon oder Wilhelm Meisters Lehrjahre – Die Frage der Gattungsgenese des Bildungsromans aus Sicht der Bourdieu’schen Feldtheorie. Elisabeth Böhm/Katrin Dennerlein (Hg.): Der Bildungsroman im literarischen Feld. Neue Perspektiven auf eine Gattung (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur) Berlin/New York: de Gruyter 2016, S. 13–54.

Die Funktion der Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahre für die Thematisierung von Bildung und für die Debatte um die Bestimmung des Menschen. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2010, S. 172–200.

Klassische Moderne

Medikale Orte in der Erzählliteratur: Sanatorium, Klinik, Psychiatrie. In: Martina King, Yvonne Wübben, Felix Rietmann (Hg.): Handbuch Literatur und Medizin (Reihe Handbücher kulturwissenschaftliche Philologie). Erscheint Anfang 2024 bei de  Gruyter.

Die erzählte Wahrnehmung der Großstadt im Kontext des modernen epischen Erzählens. Zum doppelten Beginn von Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. In: Felix Mundt/Therese Fuhrer/Jan Stenger (Hg.): Cityscaping. Constructing and Modelling Images of the City. Berlin: Akademieverlag 2015, S. 247–280.

Die Zerstörung des idealen Habitats als unerhörte Begebenheit. Eine Auslegung von Franz Kafkas Erzählung Der Bau ausgehend von einer narratologischen Analyse des Raumes. In: Julia Weber/Dorit Müller (Hg.): Die Räume der Literatur. Exemplarische Zugänge zu Kafkas Erzählung Der Bau. Berlin/New York: de Gruyter 2013, S. 153–177.

Zu drei zentralen Metaphern in Robert Musils Schwärmern. Eine Analyse mit kognitionswissen-schaftlicher Termhinologie. In: Hofmannsthal Jahrbuch zur europäischen Moderne 20 (2012), S. 277–295.

Literatursoziologie und Sozialgeschichte

Ich habe theoretisch sowie praktisch zur feldsoziologischen Gattungsgeschichtsschreibung gearbeitet. Anschlusskommunikationen in Werk-Fassungszusammenhängen habe ich literatur-theoretisch in einem Aufsatz für IASL  modelliert.

  • Neue Daten der Dichtung und ihre literatursoziologische Modellierung. Erscheint in IASL 47 (2022)
  • Materialien und Medien der Komödiengeschichte. Zur Praxeologie der Werkzirkulation zwischen Hamburg und Wien von 1678–1806 (Studien und Texten zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur 152). Berlin/New York: de Gruyter 2021. [Habilitationsschrift]
  • Der Bildungsroman im literarischen Feld. Neue Perspektiven auf eine Gattung. Hg. zs. mit Elisabeth Böhm. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur) Berlin/New York: de Gruyter 2016.
  • Die Funktion der Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahre für die Thematisierung von Bildung und für die Debatte um die Bestimmung des Menschen. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2010, S. 172–200.

Die Schwestern von Prag

Katrin Dennerlein: Kap. 3.2 Reformkomödie im Hanswurststreit – Singspiel mit Kasperl – Singspielposse. Hafner: Der von dreyen Schwiegersöhnen geplagte Odoardo, oder Hannswurst und Crispin die lächerlichen Schwestern von Prag (W 1762) – Perinet/Müller: Die Schwestern von Prag (W 1794/H 1799). In: Dies.: Materialien und Medien der Komödiengeschichte. Zur Praxeologie der Werkzirkulation zwischen Hamburg und Wien von 1678–1806 (Studien und Texten zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur 152). Berlin/New York: de Gruyter 2021, S. 105-164.

Das Unterkapitel untersucht, wie die Komödie in Wien inmitten der Reformdebatte um den Hanswurst ein eigenes Reformmodell entwickelte – nicht durch Abschaffung der komischen Figur, sondern durch ihre Domestizierung und musikalische Integration.

Wien – Kärntnertortheater und Hanswurststreit

Das Kärntnertortheater war seit 1712 das erste stehende deutschsprachige Schauspielhaus im Reich. In den 1740er Jahren wuchs das Ensemble für das Stegreifspiel erheblich: Neben Hanswurst (seit 1726 von Gottfried Prehauser gespielt) traten Bernardon (Kurz), Odoardo (Weiskern), Kasperl, Jackerl und weitere Typenfiguren auf. Gleichzeitig drang die aufklärerische Reformbewegung nach Wien ein. Das 1752 erlassene Extemporierverbot (das sogenannte Norma-Edikt Maria Theresias) richtete sich vor allem gegen die Bernardoniaden von Kurz, deren regellose Episodenstruktur und Stegreifeinlagen dem aufklärerischen Programm widersprachen.

Der sogenannte Hanswurststreit – ein publizistischer Kampf um die komische Figur – wird in neuerer Forschung differenzierter gesehen: Die symbolische Vertreibung des Hanswurst durch Gottsched und die Neuberin war eher ein theaterpraktisch und persönlich motivierter Schachzug denn ein echter Epochenbruch. In Wien verlief die Debatte anders als im Norden: Es ging um Modifikation, nicht um Elimination. Schlüsselfigur war Friedrich Wilhelm Weiskern als inoffizieller künstlerischer Leiter des Kärntnertortheaters, der zugleich Stegreifschauspieler, Aufklärer und Korrespondent Gottscheds war.

Hafner: Odoardo (1762)

Philipp Hafner reagierte 1762 auf die Hanswurst-Debatte nicht mit einem Traktat, sondern mit einer Komödie in drei Akten samt einaktigem Vorspiel. Er entwarf eine komische Figur, die den Regeln der Wahrscheinlichkeit genügt, vollständig ausformulierten Text besitzt und dennoch komisch wirkt – ohne Extempore, ohne Unflätigkeiten. Hanswurst wird bei Hafner als listige, nicht obszöne Figur konzipiert. Der Odoardo positioniert sich damit als Reformkomödie: Er zeigt, dass komische Wirkung auch ohne die Mittel der Stegreifburleske möglich ist. Dabei verzichtet Hafner auf das Repertoire von Wein, Weib und Gesang, das seit der Wanderbühne zur Hanswurst-Figur gehört.

Perinet/Müller: Die Schwestern von Prag (1794/1799)

Dreißig Jahre später – nun am Theater in der Leopoldstadt – griff Joachim Perinet Hafners Stoff auf und verwandelte ihn in ein Singspiel für Johann Laroches Kasperl-Figur. Die komische Textur wurde erheblich angereichert: Papendeckel wurde als parodistischer Nebenbuhler konzipiert, der in heroischen Alexandrinern spricht (deren Pathos durch banale Situationen, derbe Worte und misslungene Vergleiche gebrochen wird), Fäkalkomik trat hinzu, die Verkleidungsszenen wurden musikalisch ausgestaltet. Das Stück wurde zu einem der erfolgreichsten Stücke des Wiener Volkstheaters.

Musikanalysen

Die Analysen zur Musik Wenzel Müllers zeigen, wie komische Inkongruenzen im Text auf musikalischer Ebene gespiegelt und verstärkt werden:

  • Krispins Vorstellungslied („Ich bin der Schneider Wetz und Wetz“): Allegretto in B-Dur, 2/4-Takt, drei kurze Motive mit Quart-, Quint- und Sextsprüngen. Die Violinen doppeln oder umspinnen die Singstimme in Achteln und Sechzehnteln. Krispin singt Tenor – eine Stimmlage, die traditionell für jugendliche Liebhaber reserviert und dort rhythmisch und melodisch komplex gestaltet ist. Die schematische Melodieführung dieser Tenorrolle bildet dadurch selbst eine musikalische Inkongruenz.
  • Johanns Eintrittslied (G-Dur-Allegro, 6/8-Takt): Die Vielzahl kleiner Notenwerte signalisiert geistige Beweglichkeit – im witzigen Kontrast zu seinem sprechenden Namen „Schneck“. Ein Wechsel vom Arco zum Pizzicato markiert Johanns Einfallsreichtum. Die Harmonik bleibt auf den Wechsel von Tonika und Dominante beschränkt.
  • Das Kriechen-Duett (Johann überredet Kaspar): Der 6/8-Takt wechselt zu geradem Vierteltakt, als Johann sich Kaspar angleicht. Nachschlagende Akkorde in der Begleitung unterwandern – wie Johanns Worte selbst – die übliche Taktbetonung. Wenn Johann so tut, als ob er sich gegen das Kriechen sperrt, findet sich an genau dieser Stelle der Nachschlag: Das Metrum enthält selbst eine Inkongruenz.
  • Papendeckels Wechselgesang mit Krispin: Papendeckels heroische Liebeserklärung wird durch Krispins obszöne Kommentarreime kontrastiert. Der Gleichklang im Endreim verschärft den inhaltlichen Kontrast noch.

Komik und Dramaturgie

Ein entscheidender Unterschied zwischen Hafner und Perinet: Bei Hafner reagieren Bühnenfiguren noch nicht nach Wahrscheinlichkeitsregeln auf das Lächerliche – das Publikum lacht, ohne dass es innerfiktionale Reaktion gäbe. Bei Perinet fungieren Mitzerl und Lorchen als Reflektorfiguren, die das Gelächter auf der Bühne mit dem Publikum teilen. Das markiert den Übergang zu einer neuen komischen Ästhetik mit mimetischen Ansprüchen an Figur und Handlung.

Texte und Noten

Die reisenden Komödianten, oder der gescheide und dämische Impressario, ein Lustspiel von einer Abhandlung, Verfasset von Philipp Hafner. Wien, gedruckt und zu finden bey Joseph Kurzböken, Univ. Buchd. in der Bognergasse im hofglaserischen Hause. [1762]. [Hofbibliothek Thurn und Taxis Regensburg (Sigle: 76), Beibindung in einem Band mit komischen Schriften ohne eigenen Titel].
Abgekürzt als Odoardo und zitiert mit der Sigle H.

Die Schwestern von Prag: Als Singspiel in 2 Aufz. nach dem Lustspiele des Weyland Herrn Hafner, für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Perinet, Theaterdichter und Mit- glied dieser Gesellschaft. Die Musik ist von Wenzel Müller, Kapellmeister dieser Bühne. Wien, gedruckt bey Mathias Andreas Schmidt, kaiserl. königl. Hofbuchdrucker 1794. [ÖNB 2316-A-AltMag] .
Abgekürzt als Schwestern von Prag und zitiert mit der Sigle P 1794.

Die Schwestern von Prag: Als Singspiel in 2 Aufzügen. Nach dem Lustspiel des Weyland Herrn Hafner für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Ferdinand Perinet. Die Musik ist von Herrn Wenzel Müller, Capellmeister eben dieser Bühne. Aufgeführt auf dem k. k. privileg. Marinellischen Theater. [1795] [Textbuch 55 Bl.] [ÖNB Mus.Hs.19906 Mus], II,20. Zu die- sem handschriftlichen Textbuch liegt in der Musiksammlung auch noch ein Szenarium (8 Bl.) vor [ vgl. ÖNB Mus.Hs.19907] sowie neun Rollen (78 Bl.) [vgl. ÖNB Mus.Hs.19908].

Die Schwestern von Prag. Als Singspiel in zwei Aufzügen nach dem Lustspiel des Weyland Herrn Hafner für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Ferdinand Perinet. Die Musik ist von Herrn Wenzel Müller, Chapellmeister eben dieser Bühne. Aufgeführt auf dem k. k. privileg. Marinellischen Theater, Textbuch handschriftlich [ÖNB Mus.Hs.19906 Mus] [ÖNB Mus.Hs.19907 Mus (Szenarium)].

Die Schwestern von Prag: Ein Lustspiel von Philip Haffner, übersetzt von Joachim Perinett. Die Musik ist von H. Wenzel Müller, Kapellmeister. Wien im Februar 1794. [Partitur-Hs] [ÖNB Mus.Hs.19904] [ÖNB Mus.Hs.19908 (9 handschriftl. Rollen)].

Arien und Gesänge aus dem Singspiel: Die Schwestern von Prag in zwei Aufzügen. Die Musik ist von Herrn Kapellmeister Müller. Berlin 1795. [SUB Gc/Sep A5 73].

Die Schwestern von Prag. Ein Singspiel in zwey Aufzügen. Von Joachim Perinet. Die Musik ist vom Herrn Wenzel Müller. Nürnberg, gedruckt bey Michael Joseph Schmid, 1796. [BSB Slg. Her 192a].

Die Schwestern von Prag: Komisches Singspiel in 2 Aufzügen; Inspektionsbuch / nach Hafner von Perinet. Die Musik ist vom Herrn Kapellmeister Wenzel Müller. [Hamburg], [um 1799]. [Hs] [SUB TB 1489a].

Die Schwestern von Prag: komisches Singspiel in 2 Aufzügen; Soufflierbuch / nach Hafner von Perinet. Die Musik ist vom Herrn Kapellmeister Wenzel Müller. [Hamburg], [um 1799]. [Hs] [SUB TB 1489b].
Abgekürzt als Schwestern von Prag und zitiert mit der Sigle P 1799.

Die Schwestern von Prag: Ein komisches Singspiel in zwey Aufzügen nach dem Lustspiel des Philipp Haffner / neu bearbeitet von Joachim Perinett. Musick von Wenzel Müller. Wien im Februar 1794. [Partitur-Hs] [SUB TBR 91:1-2].
Abgekürzt als Partitur der Schwestern von Prag und zitiert mit der Sigle M 1799

Die Schwestern von Prag: Als Singspiel in 2 Aufz. nach dem Lustspiele des Weyland Herrn Hafner, für dieses Theater neu bearbeitet von Joachim Perinet, Theaterdichter und Mit- glied dieser Gesellschaft. Die Musik ist von Wenzel Müller, Kapellmeister dieser Bühne. Wien 1800.

Die Hochzeit des Figaro

Katrin Dennerlein: Kap. 3.4 Skandalstück, opera buffa, bürgerliche Ehekomödie. Schröder: Figaro’s Heirath (H 1787) – Da Ponte/Mozart: Le Nozze di Figaro (W 1786) – Jünger: Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro (W 1802). In: Dies.: Materialien und Medien der Komödiengeschichte. Zur Praxeologie der Werkzirkulation zwischen Hamburg und Wien von 1678–1806 (Studien und Texten zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur 152). Berlin/New York: de Gruyter 2021, S. 231-269.

Das Unterkapitel untersucht, wie Beaumarchais‘ skandalumwittertes Stück La folle journée ou le mariage de Figaro in Hamburg und Wien in ganz unterschiedliche Gattungsrahmen eingeschrieben wurde – als Sprechtheaterkomödie, als Opera buffa und als bürgerliches Lustspiel.

Hamburg – Stadttheater, Schröder (1787)

Schröder inszenierte seine eigene, auf vier Akte gekürzte Übersetzung zunächst im dänisch regierten Altona, da die Aufführung in Hamburg politisch heikel schien. Er kürzte nicht die politisch brisanten Stellen, sondern nur Längen. Die Rezeption in der Theaterpublizistik betonte den Unterhaltungswert. Das Kapitel zeigt, dass die Kanonisierung des Figaro als Revolutionskomödie erst eine nachrevolutionäre Projektion des 19. Jahrhunderts ist: Im Hamburg der 1780er Jahre wurde das Stück vor allem als kunstvoll gefügte Komödie mit hohem Anteil Ehebruchskomik wahrgenommen.

Wien – Da Ponte/Mozart: Le Nozze di Figaro (1786)

Mozarts Vertonung entstand auf kaiserliche Initiative. Da Ponte und Mozart domestizierten die satirischen Elemente: Der politisch brisante Monolog Figaros wurde musikalisch gebrochen, die Komödie des Irrtums und der Verkleidung in den Vordergrund gerückt.

Wien – Jünger: Der tolle Tag (1802)

Jüngers Bearbeitung für das Burgtheater 1802 verschob die Gattungsform weiter in Richtung bürgerliches Lustspiel. Die Adelskritik trat in den Hintergrund, die Ehekomödie in den Vordergrund.

Musikanalysen

Die Analysen zu Mozarts Le Nozze di Figaro zeigen, wie die Kompositionsentscheidungen die verschiedenen Komikebenen differenzieren:

  • Die Karnevalskomik (sexuelle Anarchie, Cherubin als metonymische Figur des Begehrens) erhält eine musikalisch aufgewühlte, rhythmisch unstete Textur.
  • Die Ehebruchskomik des Grafen – der als frustrierter Ehemann nach Gelegenheit sucht – wird mit Momenten falscher Grandezza versehen, die seine Ohnmacht unterstreichen.
  • Das Finale des zweiten Aktes ist die musikalisch komplexeste Gestalt der Komödie des Irrtums: Die sukzessive Hinzufügung von Figuren, die Steigerung der Tonarten und Tempi bilden die eskalierenden Inkongruenzen der Verkleidungs- und Verwechslungsszenen ab.
  • Figaros großer Monolog im fünften Akt – die expliziteste Adelskritik des Stücks – wird von Mozart auffallend schlicht und melodramatisch gesetzt. Das dämpft die satirische Schärfe, anstatt sie zuzuspitzen, und ist ein kompositorisches Argument für die integrative Lesart des Stücks als Komödie des tollen Tages, nicht als politische Satire.

Komik, Satire und Gattungsfrage

Das Kapitel greift die Forschungsdebatte auf, ob der Figaro primär als Satire, als Lachkomödie oder als empfindsames Drama zu verstehen sei. Die Verfasserin argumentiert für eine integrative Lesart vom Topos des tollen Tages: Die komische Wirkung entsteht nicht aus der Summe kritischer Einzelstellen, sondern aus dem Moment der Umkehrung aller Verhältnisse an einem einzigen Tag. Die Analyse unterscheidet drei Handlungsebenen:

  • Das Schema der Heirat mit Hindernissen, in dem die Umkehrung des Herr-Knecht-Verhältnisses Sozialkritik ermöglicht, die jedoch nur punktuell erscheint.
  • Die Ehebruchskomik des Grafen, der als frustrierter Ehemann eher lächerlich als bedrohlich wirkt.
  • Die karnevaleske Komik des tollen Tages, metonymisiert durch Cherubins Figur.

Kernthese

Der Figaro-Stoff illustriert exemplarisch, wie ein und derselbe Komödientext durch unterschiedliche Gattungseinschreibungen, Kürzungen und musikalische Entscheidungen fundamental verschieden wirken kann. Hamburg las den Text als witzige Unterhaltungskomödie, Wien verwandelte ihn zuerst in eine Opera buffa und dann in ein bürgerliches Lustspiel – und dämpfte damit jeweils die für den anderen Kontext charakteristischen Aspekte.

Texte und Noten

La folle journée, ou le mariage de Figaro, Comédie en cinq Actes, en Prose, par M. d. Beaumar- chais, Représentée pour la première fois, par les comédiens françois ordinaires du Roi, le mardi 27avril 1784. Chez Ruault Amsterdam, M.DCC.LXXXV
Abgekürzt als La folle journée und zitiert mit der Sigle B. [F-BNF 8-YTH-7405].

Der lustige Tag, oder Figaro’s Hochzeit: Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Aus dem Französischen des Herrn Caron von Beaumarchais übersezt; Aechte, vom Herrn Verfasser einzig und allein genehmigte, vollständige Ausgabe. Kehl: Müller 1785. [BSB 821807 P.o.gall. 211]

Der närrische Tag, oder die Hochzeit des Figaro; ein Lustspiel in fünf Aufzügen, aus dem Französischen des Herrn Caron von Beaumarchais, Wien 1785. [Übersetzt und bearbeitet von Johann Rautenstrauch].

Figaro’s Heirath: ein Lustspiel in vier Aufzügen; Nach dem Französischen des Beaumarchais von Herrn Schröder; Inspektions Buch, [Mai 1785], [SUB Theater-Bibliothek 210a].

Figaro’s Heirath: Lustspiel in fünf Aufzügen. Nach dem Französischen des Beaumarchais von Schröder; Soufflierbuch, [1787], [SUB Theater-Bibliothek 210b]. Neu ediert in Schröder (2016), Figaro’s Heirath.
Abgekürzt als Figaro’s Heirath zitiert mit der Sigle S.

Parisau (1785): Pierre Germain de Parisau, Figaro’s Reue. Lustspiel in einem Aufzuge / nach dem Französischen des Parisau, von F. L. Schröder. o. O., [nach] 10. Decembr 1785. [Ms. mit eigenh. Erg. Schröders und Streichungen sowie mit einer Rollenübersicht] [SUB Thea- ter-Bibliothek 237].
Neu ediert in Schröder (2016), Figaro’s Heirath.

Zur Hochzeit des Figaro del Sigr C: Hanke. Partitur. Lustspiel in 5 Aufzügen. 1785 Komp. Herrn Johann Christian Brandes zum Andencken. Vom Verfaßer 1786. [Hs. Partitur] [SUB ND VII 167].

Le nozze di Figaro. comedia per musica tratta dal francese in quattro atti: da rappresentarsi nel Teatro di corte l’anno 1786. In Vienna: Presso Giuseppe Nob. de Kurzbek, stampatore di S.M.I.R. [Washington DC, Library of Congress ML48 [S6826]].

Die Hochzeit des Figaro. Ein Schauspiel in Musik in 4. Aufzügen aus dem Französischen her- ausgezogen. Aufgeführet in dem k. k. Nazionalhoftheater. Im Jahre 1786. Wien, bei Joseph Edlen v. Kurzbeck, k. k. Hofbuchdrucker, Groß= und Buch-händler. [Stadt- und Landesbib- liothek Wien, Signatur: A 13.604].
Im Folgenden zitiert mit der Sigle DPD.

Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro. Ein Lustspiel in 5 Aufzügen frey nach Beaumarchais. Von J. F. Jünger für das k. k. National Hoftheater. 1802 [Hs.] [Zensurbuch, Österreichisches Theatermuseum 186 Ser. Nov. 5195].

Johann Friedrich Jünger, Der tolle Tag, oder Die Hochzeit des Figaro. Ein Lustspiel in fünf Auf- zügen, frey nach Beaumarchais von J. F. Jünger. Wien: Wallishauser 1805.
Abgekürzt als Der tolle Tag zitiert mit der Sigle J.

Croesus

Katrin Dennerlein: Kap. 3.1. Wiener Festoper – Hamburger Singspiel – Wanderbühnenstück – Parodie und Lokaloper. Minato/Leopold I.: Creso/Cresus (W 1678) – Bostel/Keiser: Der gestürtzte und Wieder-Erhobene Crœsus (H 1684–1730) – Der stumme Printz Atis (H 1723) – Praetorius/Keiser: Buchhöfer der stumme Printz Atis  (H 1726). In: Dies.: Materialien und Medien der Komödiengeschichte. Zur Praxeologie der Werkzirkulation zwischen Hamburg und Wien von 1678–1806 (Studien und Texten zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur 152). Berlin/New York: de Gruyter 2021, S. 57-104.

Dieses Unterkapitel verfolgt die Transformation eines einzigen Stoffes – den Krösus-Stoff aus Herodots Historien – über rund fünfzig Jahre und vier grundlegend verschiedene Theaterkontexte: Wiener Hofoper, Hamburger Gänsemarktoper, Wanderbühne und Hamburger Intermezzo.

Wien – Hofoper (1678)

Die Oper Creso/Cresus entstand als Repräsentationswerk am Wiener Kaiserhof: Leopold I. selbst komponierte die Musik (erhalten ist nur der dritte Akt), das Libretto stammt vom venezianischen Hofpoeten Nicolò Minato. Das Werk wurde anlässlich des Geburtstages der Kaiserin über zwei Tage aufgeführt. Es folgt dem venezianischen Modell der Intrigenkomödie, passt dieses aber grundlegend an die Bedingungen der Wiener Festoper an: Ballette, Maschinenszenen, allegorische Figuren und eine abschließende Licenza (ein Huldigungsballett der sieben Planeten, in dem Österreich, den Kronländern und dem Reich Glück und Gedeihen vorausgesagt wird) treten hinzu. Die Haupthandlung um den stummen Prinzen Atis und seine Verkleidung als Bauer bietet ein ausgefeiltes System komischer Wissensunterschiede. Der komische Diener Elcio (servo ridiculo) und die Amme Trigesta bleiben demgegenüber blass: Sie sind feige, einfältig und ohne Einfluss auf die Handlung – eine bewusste Abschwächung gegenüber dem venezianischen Vorbild, wo Dienerfiguren aktiv und listig agieren.

Hamburg – Gänsemarktoper (1684)

Die Hamburger Gänsemarktoper war die einzige Institution im Reich, die über sechzig Jahre kontinuierlich deutschsprachige Opern produzierte (rund 270 Werke von 1678 bis 1738). Lucas von Bostel bearbeitete das Wiener Libretto für diesen bürgerlichen Kontext grundlegend um: Ballette, Huldigungsszenen und Maschineneinlagen entfielen. Die Dienerfiguren Elcius und Trigesta gewannen deutlich an Gewicht und wurden in Sprache, Thema und Derbheit an das Hamburger Publikum angepasst. Typisch für die Hamburger komische Figur sind Essen, Trinken, körperliches Begehren, Feigheit und gelegentlich niederdeutscher Dialekt – Trigesta singt bei Bostel die ersten plattdeutschen Verse einer Hamburger Oper überhaupt. Reinhard Keiser vertonte Bostels Text 1711 neu (1730 überarbeitet), wobei er die Anzahl der Tänze von einem auf sechs erhöhte.

Wanderbühne (ab 1700)

Zwischen 1700 und 1741 ist der Stoff in zwölf Wanderbühnenverzeichnissen nachweisbar. Die erhaltene handschriftliche Fassung Der stumme Printz Atis zeigt, wie das Stück für das Wanderbühnenspiel zugespitzt wurde: Nerillo wurde gestrichen, sein Part von Elcius übernommen, viele Stellen durch Improvisationen (Lazzi) ersetzt. Typisierte Figuren wie Arlequin oder Hanswurst traten hinzu, ohne dass dies eine Verbindung zur Commedia dell’arte bedeutete.

Hamburg – Intermezzo Buchhöfer (1726)

Das Intermezzo von Praetorius und Keiser ist das komplexeste und gleichzeitig kürzeste Werk der Reihe. Es parodiert nur eine Episode aus dem Crœsus: die Gebärdensprache-Szenen zwischen Atis und Elmira. Die höfischen Figuren werden durch komische Volkstypen ersetzt, die Anagnorisis-Szene erhält eine metaleptische Dimension: Sie verweist auf den realen Schauspieler Buchhöfer (dessen Name sogar im Titel steht) und auf Figuren aus dem Hamburger Lokalsingspiel Der Hamburger Jahr-Marckt (1725). Als Vorbild nennt Praetorius ausdrücklich die Parodien des Pariser Théâtre de la Foire (Lesage/D’Orneval).

Musikanalysen

Der Schwerpunkt liegt auf den Arien der komischen Figuren in Keisers Vertonung. Die Analysen zeigen, wie die musikalische Umsetzung die Textkomik systematisch verstärkt:

  • In der Parodie-Arie (Elcius und Nerillus imitieren die Liebesarie von Atis und Elmira) vereinfacht Elcius die Melodie Elmiras rhythmisch und melodisch stark: durchlaufende Achtel statt differenzierter Linie, einfache Akkordbegleitung in Parallelbewegung statt des vielstimmigen Orchesterapparats. Die Reimwörter bleiben nahezu gleich, was das genus grande der Vorlage präsent hält und den Kontrast zum género humile der Parodie noch stärker hervortreten lässt.
  • Die Kriegsarie des Elcius arbeitet mit komischen Lautexperimenten: Neologismen wie „Blinkern/Flinkern/Klinkern“ ersetzen gehaltvolles Pathos durch bloße Lautmalerei. Die Melodie verharrt auf Tonwiederholungen und einfachen Dreiklangsbrechungen. Cirus‘ unmittelbar folgende, echte Kriegsarie hingegen – begleitet von drei Klarinetten, Tambourin und komplexen Harmoniedurchgängen – erfüllt das Skript der Kriegsarie überzeugend. Der Kontrast ist kompositorisch bewusst gestaltet.
  • In der Krämerszene werden Elcius‘ marktschreierische Brillen-Rufe als penetrante Tonwiederholungen mit Achtelpausen vertont. Die anschließende Arie nimmt erst melodische Lebhaftigkeit an, wenn Elcius von Alltagswaren zu Luxusgütern wechselt.
  • Trigestas Behauptung, noch jung und schön zu sein, wird durch Dissonanzen musikalisch als unwahr entlarvt: Auf dem Wort „Schönheit“ erklingt ein C-Dur-Akkord, der durch eine kleine Septime in Oberstimme und Cembalo gebrochen wird. Zuvor häufen sich dissonante Klänge und unerwartete Harmoniefolgen.

Komik und Dramaturgie

Zentrales Analysewerkzeug ist die komische Inkongruenz: Wissensunterschiede zwischen Figuren und Publikum erzeugen Situationskomik, Schadenfreude und dramatische Ironie. Das Kapitel verfolgt, wie diese Verfahren in Wien eingeführt, in Hamburg derber und kontrastreicher gestaltet, auf der Wanderbühne durch Improvisation erweitert und im Intermezzo schließlich auf eine hochreflexive Ebene gehoben werden – mit Bezügen auf reale Schauspieler, andere Stücke und die Institution der Gänsemarktoper selbst.

Texte und Noten

[Nicolò Minato/Leopold I.], Creso. Drama per Musica, nel felicissimo di’natalizio. Della S.C.R Maesta’ Dell Imperatrice Eleonora, Maddalena, Teresa / Per Commando Della S. C. R. Maesta’ Dell’Imperatore Leopoldo. L’Anno M.DC.LXXVIII. Et alle Med:maM:tà Consacrato In Vienna d’Austria, Per Gio; Christoforo Cosmerovio, Stampatore di S. C. M. [ÖNB 407.399- A].
Abgekürzt und zitiert als Creso.

[Nicolò Minato/Leopold I.], Cresus. Gesungene Vorstellung An dem Geburts-Tag Ihrer Mayes- tett Der Regierenden Römischen Kayserin Eleonora Magdalena Theresia Auff Allergnädigs- ten Befelch Ihrer Römischen Kayserlichen Mayestett Leopold Deß Ersten In zwey Täge ab- getheilter gehalten. Wien: Cosmerovio [1678]. [BSB Slg.Her 2651]Abgekürzt und zitiert als Cresus.
[Leopold I] Creso. [Partitur] [ÖNB Mus.Hs.16287/1-3].

[Lukas von Bostel/Philipp Förtsch], Der Hochmüthige/ Gestürtzte/ und Wieder-Erhobene Crœsus [Hamburg 1684]. [Marx/Schröder, Nr. 160a] [In: Zwanzig Hamburgische Opern und Singspiele, 1708, 1719, SUB 20 in Scrin A/94, n°20].
Zitiert mit der Sigle C 1684a

[Lukas von Bostel/Philipp Förtsch], Der Hochmüthige/ Gestürtzte/ und Wieder-Erhobene Crœsus [Hamburg 1684]. [Marx/Schröder, Nr. 160b] [SUB 25 in MS 639/3: 2].
Zitiert mit der Sigle C 1684b.

Croesus. Drama Musicale in 3 Atti da rappresentarsi nel Teatro Hamburgo Anno 1710. von Reinhard Kaiser auch Rinardo Cesaro genannt. | Zum Theil eigenhändige u. merckwürdige | Partitur des Componisten | aus dem uralten Hamburg. Opern-Archiv her[r]ührend, dessen Besitzerinn eine Mademoiselle Willers, war. Von mir im Jahr 1830 acquiritet. Pölchau [Par- titur] [B-Br Ms II 4067 Mus Fétis 2812] Edition: Reinhard Keiser: Der hochmüthige, gestürz- te und wieder erhabene Croesus. 1730 (1710). Erlesene Sätze aus L’inganno fedele 1714. Hg. von Max Schneider und Hans Joachim Moser, Wiesbaden u. a. 1912. Zitiert mit der Sigle K.

Der stumme Printz Atis [1708] [Hs.] [ÖNB Cod. 13.107]. Ediert In: Brauneck/Noe (1970–2007), Spieltexte der Wanderbühne, Bd. V,1, S. 191–252.
Abgekürzt als Atis und zitiert mit der Sigle A.

[Lukas von Bostel/Reinhard Keiser], Der Hochmüthige/ Gestürtzte/ und wieder erhabene Crœsus. In einem Singe-Spiele vor vielen Jahren auff dem Grossen Hamburgischen Schau- Platze vorgesellet. Jetzo von neuem wieder auffgeführte. Im Jahr 1711. [SBB-PK Berlin <8 In: Mus. T 18>] [Marx/Schröder, Nr. 161a]. Zitiert mit der Sigle C 1711.


[Johann Philipp Praetorius/Reinhard Keiser], Buchhöfer Der Stumme Printz Atis, In einem Intermezzo Auf dem Hamburger Schau-Platze Vorgestellet Im Jahr 1726. [Marx/Schröder 1995, Nr. 56] [WRz 218 in 4°14,5:75g] .
Abgekürzt als Buchhöfer und zitiert mit der Sigle B.

Das gesegnete und von der himmlischen Providenz beschützte Regenspurg Wurde einem Hoch-Edlen […] Magistrat Des H. Röm. Reichs Freyen Stadt Regenspurg In einem Poeti- schen Prologo, Nebst einer […] Haupt- und Staat-Action, genannt: Der wegen seiner Großmut gestürtzte und wieder erhobene Crœsus […] dediciret Von den allhier. Regen- spurg 1727. [Theaterzettel, Prolog und Personenverzeichnis] [R 999/Rat.ep 538b].

[Lukas von Bostel/Reinhard Keiser], Der Hochmüthige/ Gestürtzte/ und wieder erhabene Crœsus. In einem Musicalischen Schau-Spiele auf dem Hamburgischen Schau-Platze vor- gestellet Im Jahr 1730. [SBB-PK Berlin <8 In: Mus. T 18>] [Marx/Schröder, Nr. 161b].
Zitiert mit der Sigle C 1730.

Minna von Barnhelm

Katrin Dennerlein: Kap. 3.3 .‚Wahre‘ Komödie oder Rührendes Lustspiel als passende Form für eine nationale Komödie? Lessing: Minna von Barnhelm, oder Das Soldatenglück (H 1767) – Lessing/Weiskern: Minna von Barnhelm, oder Das Soldatenglück (W 1767). In: Dies.:: Materialien und Medien der Komödiengeschichte. Zur Praxeologie der Werkzirkulation zwischen Hamburg und Wien von 1678–1806 (Studien und Texten zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur 152). Berlin/New York: de Gruyter 2021, S. 166-230
Der folgende Text ist eine Zusammefassung meines Buchkapitels, die zusätzlich die verwendeten Materialien mit abbildet. Der vollständige Text des Kapitels ist derzeit nicht als Open Access lizenziert.

Neben dem Opernbetrieb gibt es in Hamburg immer auch das Schauspiel der Wanderbühnen. Es gastieren die Truppen von Treu, Paulsen, Velten, Hoffmann, Neuber und Ackermann, jedoch ohne dauerhafte Spielerlaubnis. Erst 1764 erhält Conrad Ernst Ackermann die Erlaubnis ein neues Comödienhaus an der Stelle der Gänsemarktoper zu errichten und bespielt dieses selbst bis 1767. Das dann errichtete erste deutsche Nationaltheater ist in Personal und Repertoire im Wesentlichen eine Fortsetzung. Man versucht jedoch mit dem Engagement von Lessing als Stückautor und Berichterstatter einen besonderen Akzent zu setzen.

Seine Komödie Minna von Barnhelm wurde als Eröffnungsstück für diese Institution geschrieben, bislang aber noch nicht im Kontext der Nationaldramatik und eines Nationaltheaterrepertoires gelesen. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass dieser Kontext für das Verständnis der Komödie ausschlaggebend ist. Deutlich werden wird so, dass Stolz und nicht Ehre oder Patriotismus das zentrale Thema der Minna von Barnhelm sind. Darüber hinaus soll durch den Bezug zur europäischen Nationaldramatik auch erklärt werden, weshalb Lessing gerade diese Eigenschaft gewählt hat. Insbesondere die Überbietung von Voltaire und seiner im deutschsprachigen Gebiet gespielten Komödien ist dabei von Bedeutung.  Analysiert wird im ersten Teil des Kapitels für Hamburg ausschließlich der Erstdruck der Minna von Barnhelm, weil für das 18. Jahrhundert keine Aufführungsmaterialien aus Hamburg vorliegen. Im Anschluss wird dann untersucht, wie die Komödie verändert wird, als sie in Wien ebenfalls in ein Projekt eines nationalen Theaters, die ‚Nationalschaubühne‘ eingepasst wird. Die Umarbeitung durch Friedrich Wilhelm Weiskern ist typisch für die Tendenz zum Rührenden Lustspiel, die dieses Projekt kennzeichnet.

Gotthold Ephraim Lessing:
HamburgDramaturgie. 1767, [BSB L.eleg.g. 234 mf-1]
MvBED BSB P.o.germ.834x-2
Daniel Chodowiecki, 12 Kupfertafeln zu Lessings Minna von Barnelm
MvBW1 ÖNB Alt Mag 3.409-A, II,8

Texte und Noten

Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Verfertiget im Jahre 1763. Lustspiele von Gotthold Ephraim Lessing. Zweyter Theil. Der Freygeist. Der Schatz. Minna von Barnhelm. Berlin bey Christian Friedrich Voss 1767, S. 253–442 [BSB, P.o.germ.834x-2].
Abgekürzt als Minna von Barnhelm und zitiert mit der Sigle MvBED.

Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück: Ein Lustspiel in fünf Aufzügen; Inspektionsbuch/von Gotthold Ephraim Lessing. Zweyte Auflage Berlin: bey Christian Friederich Voß, 1770. [Inspektionsbuch, Druck mit zahlreichen hs. Korr. und Streichungen sowie mit einer Rollenübersicht mit hs. Schauspielernamen und Szenenübersicht] [SUB Hamburg Theater- Bibliothek: 1985a].

Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Aufgeführet auf der Kais. Königl. Privilegierten deutschen Schaubühne in Wien im Jahre 1767. Gedruckt mit v. Ghelischen Schriften. [ÖNB Alt Mag 3.409-A].
Abgekürzt als Minna von Barnhelm und zitiert mit der Sigle MvBW1.
http://data.onb.ac.at/rec/AC10065877

Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück. Ein Lustspiel in 5 Aufzügen von dem Herrn Leßing. Zweyte Auflage. Wien, zu finden bey dem Logenmeister. [ÖNB Alt Mag 392620-A.3,7].
Abgekürzt als Minna von Barnhelm und zitiert mit der Sigle MvBW2.

Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück, ein Lustspiel in fünf Aufzügen von dem Herrn Lessing. Aufgeführt in dem Kaiserl. Königl. Privilegirten Theater in Wien. 1768. In: Neues Theater in Wien. Bd. 3. Wien 1969. [BSB 9824630 P.o.germ 1445-3,1/4].
Abgekürzt als Minna von Barnhelm und zitiert mit der Sigle MvBW3.

Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück. Ein Lustspiel in 5 Aufzügen von dem Herrn Lessing. Aufgeführt in dem kais. königl. privilegierten Theater in Wien im Jahre 1775. [ÖNB 625480-A].
Abgekürzt als Minna von Barnhelm und zitiert mit der Sigle MvBW4.

Lehrveranstaltungen

SS 26

HS Autonomieästhetik, Rührung und Ironie als wirkungsästhetische Konzepte

HS Spiegel-Bestseller-Romane “Belletristik/Taschenbuch 2025” aus der Perspektive der kulturwissenschaftlichen Erzählforschung

HS Digitale Erschließung, Analyse und semantische Anreicherung von Bibliographien

WS 25/26

VL Moraldiskurse im Drama 1650-1750

PS Moraldiskurse im Drama 1650-1750

HS Principles of Annotation in DH

SS 25

HS Bourdieus Theorie des literarischen Feldes

HS Digitale Objekte verwalten

HS Forschungsmethoden Digital Humanities

Max-Kade Visiting Professor an der University of Illinois at Chicago (Fall semester 2024)

Undergraduate Course: The impact of migratory journeys on the individuum, community dynamics, and the environment (20th and 21st centuries)

Graduate Course: Emotions in German Drama around 1800. Hermeneutical and computational readings.

Kade-Conference „Rewriting Literary History with Algorithms?”

Universität Würzburg (akademische Oberrätin auf Zeit)

SS 24

Übung „Digitalisierung“

PS Ecocriticism und Erzähltextanalyse (19.–21. Jahrhundert)

HS Digitale Edition

HS Literarische Korpora Hermeneutisch und digital analysieren

WS 23/24

HS Literarische Korpora hermeneutisch und digital analysieren

HS Emotionen im Drama des 18. Jahrhunderts

HS GaF „Hauptwerke der deutschen Literatur“

SS 23

HS Stilometrie

HS Text und Kontext

Universität Würzburg (Privatdozentur)

WS 22/23

HS Dramen von Autorinnen im medialen Kontext um 1800

WS 21/22

HS Ethische und ästhetische Aspekte erzählter medikaler Räume

WS 20/21

HS Netzwerkanalyse

Universität Würzburg (Universitätsprofessorin auf Zeit W3 Neuere deutsche Literartur-wissenschaft)

WS 19/20

ES Epik/Drama          
HS Rilkes Lyrik                     
HS Mobility im Gegenwartsroman     
OS Literaturwissenschaftliche Emotionsanalyse         
VL Pathos

SS 19

ES Epik/Drama

HS Editionswissenschaft

HS Martin Opitz

OS Kulturelles Erbe

WS 18/19       

ES Epik/Drama          
VL Überblicksvorlesung 19. Jahrhundert        
HS Thematics vs. Topic Modelling in Dramen des 18. Jahrhunderts   
HS Historischer Roman 2013–2017    
OS Zeitgenössische Dramatik

SS18   
ES Epik/Drama          
VL Überblicksvorlesung 18. Jahrhundert        
HS Sentiment Analysis vs. Affektlehre in ausgewählten Dramen des 17. und 18. Jahrhunderts
OS Medialität und Materialität

Universität Würzburg (akademische Rätin auf Zeit)

WS17/18
ES Epik/Drama          
PS Hauptwerke der deutschen Literatur          
PS Faust: Von der Historia zu Goethes Faust I

SS 17  
ES Epik/Drama          
PS Lessings Dramen

WS 13/14       
PS Barocke Dramatik 
HS Quantitative Dramenanalyse         
Ü Literaturtheorie

SS 13  
HS Libretti der Hamburger Oper 1678-1728   
Ü Literaturtheorie

WS 12/13       
HS Christian Krachts Romane
PS Adelbert von Chamisso     
Ü Literaturtheorie

Universität Bayreuth (Vertretung der Juniorprofessur für neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medien)

SS 12  
VL Komödie im 18. Jahrhundert       
HS Bourdieus Theorie des literarischen Feldes in ihrer Anwendbarkeit für die Analyse literarischer Texte

WS 11/12       
HS Komödie der Aufklärung  
HS Historisch-kritische Editionen in Theorie und Praxis         
HS Roman der Goethezeit      

Universität Würzburg

SS 11  
Ü Literaturtheorie       
PS Büchners Dramen 
HS Historische Aspekte narrativer Raumdarstellung

SS 09  
PS Einführung in die elektronische Edition     
PS Narratologie des Raumes   

TU Darmstadt

WS 08/09       
PS Die Metapher in Theorie und Praxis (zusammen mit Frauke Nowak)           
Lektürekurs Neuere deutsche Literatur II (1800–1990)

SS 08  
PS Fontanes Berlinromane     
Lektürekurs Neuere deutsche Literatur I (1500–1800)

WS 07/08       
PS Rilkes Sonette an Orpheus
Lektürekurs Neuere deutsche Literatur II (1800–1990)

SS 07  
PS Raum im Erzähltext           
PS Büchners Dramen

WS 06/07       
PS Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz        
PS Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft         

SS 06  
Einführung in die germanistische Literaturwissenschaft I+II

WS 05/06       
PS Literaturwissenschaftliche Hermeneutik    
Einführung in die germanistische Literaturwissenschaft II      

SS 05  
PS Historisches Drama
Einführung in die germanistische Literaturwissenschaft I        

WS 04/05       
PS Das Sonett 
Einführung in die germanistische Literaturwissenschaft II      

SS 04  
PS Johann Wolfgang von Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre
Einführung in die germanistische Literaturwissenschaft I

         

  • Virtuell wirksam präsentieren und lehren, November 2021
  • Das Constructive-Alignement-Modell, Juli 2021
  • Präsenz durch Methodenwechsel, JMU Würzburg, Februar 2017
  • Mut zur Stimme, JMU Würzburg, Januar 2017
  • Individuelles Lehrcoaching (Seminarkonzepte, Unterrichtsbesuch, Methodenempfehlungen)‚ JMU Würzburg WS 12/13 und SS 13
  • Lehrcoaching in einer Kleingruppe mit Videoanalyse und Unterrichtsbesuch an der TU Darmstadt SS 2005

Vorträge

Vortrag im Rahmen der Tagung „Zwischen ästhetischer Theorie und dramatischer Praxis Lessings Hamburgische Dramaturgie“ am 28.-29. September 2023 zum Thema „Voltaire als Dramatiker übertreffen. Zu Lessings expliziter und impliziter Auseinandersetzung mit dem bühnenwirksamsten Sprechtheaterautor seiner Zeit“.