Katrin Dennerlein: Kap. 3.4 Skandalstück, opera buffa, bürgerliche Ehekomödie. Schröder: Figaro’s Heirath (H 1787) – Da Ponte/Mozart: Le Nozze di Figaro (W 1786) – Jünger: Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro (W 1802). In: Dies.: Materialien und Medien der Komödiengeschichte. Zur Praxeologie der Werkzirkulation zwischen Hamburg und Wien von 1678–1806 (Studien und Texten zur Sozialgeschichte der deutschen Literatur 152). Berlin/New York: de Gruyter 2021, S. 231-269.
Das Unterkapitel untersucht, wie Beaumarchais‘ skandalumwittertes Stück La folle journée ou le mariage de Figaro in Hamburg und Wien in ganz unterschiedliche Gattungsrahmen eingeschrieben wurde – als Sprechtheaterkomödie, als Opera buffa und als bürgerliches Lustspiel.
Hamburg – Stadttheater, Schröder (1787)
Schröder inszenierte seine eigene, auf vier Akte gekürzte Übersetzung zunächst im dänisch regierten Altona, da die Aufführung in Hamburg politisch heikel schien. Er kürzte nicht die politisch brisanten Stellen, sondern nur Längen. Die Rezeption in der Theaterpublizistik betonte den Unterhaltungswert. Das Kapitel zeigt, dass die Kanonisierung des Figaro als Revolutionskomödie erst eine nachrevolutionäre Projektion des 19. Jahrhunderts ist: Im Hamburg der 1780er Jahre wurde das Stück vor allem als kunstvoll gefügte Komödie mit hohem Anteil Ehebruchskomik wahrgenommen.
Wien – Da Ponte/Mozart: Le Nozze di Figaro (1786)
Mozarts Vertonung entstand auf kaiserliche Initiative. Da Ponte und Mozart domestizierten die satirischen Elemente: Der politisch brisante Monolog Figaros wurde musikalisch gebrochen, die Komödie des Irrtums und der Verkleidung in den Vordergrund gerückt.
Wien – Jünger: Der tolle Tag (1802)
Jüngers Bearbeitung für das Burgtheater 1802 verschob die Gattungsform weiter in Richtung bürgerliches Lustspiel. Die Adelskritik trat in den Hintergrund, die Ehekomödie in den Vordergrund.
Musikanalysen
Die Analysen zu Mozarts Le Nozze di Figaro zeigen, wie die Kompositionsentscheidungen die verschiedenen Komikebenen differenzieren:
- Die Karnevalskomik (sexuelle Anarchie, Cherubin als metonymische Figur des Begehrens) erhält eine musikalisch aufgewühlte, rhythmisch unstete Textur.
- Die Ehebruchskomik des Grafen – der als frustrierter Ehemann nach Gelegenheit sucht – wird mit Momenten falscher Grandezza versehen, die seine Ohnmacht unterstreichen.
- Das Finale des zweiten Aktes ist die musikalisch komplexeste Gestalt der Komödie des Irrtums: Die sukzessive Hinzufügung von Figuren, die Steigerung der Tonarten und Tempi bilden die eskalierenden Inkongruenzen der Verkleidungs- und Verwechslungsszenen ab.
- Figaros großer Monolog im fünften Akt – die expliziteste Adelskritik des Stücks – wird von Mozart auffallend schlicht und melodramatisch gesetzt. Das dämpft die satirische Schärfe, anstatt sie zuzuspitzen, und ist ein kompositorisches Argument für die integrative Lesart des Stücks als Komödie des tollen Tages, nicht als politische Satire.
Komik, Satire und Gattungsfrage
Das Kapitel greift die Forschungsdebatte auf, ob der Figaro primär als Satire, als Lachkomödie oder als empfindsames Drama zu verstehen sei. Die Verfasserin argumentiert für eine integrative Lesart vom Topos des tollen Tages: Die komische Wirkung entsteht nicht aus der Summe kritischer Einzelstellen, sondern aus dem Moment der Umkehrung aller Verhältnisse an einem einzigen Tag. Die Analyse unterscheidet drei Handlungsebenen:
- Das Schema der Heirat mit Hindernissen, in dem die Umkehrung des Herr-Knecht-Verhältnisses Sozialkritik ermöglicht, die jedoch nur punktuell erscheint.
- Die Ehebruchskomik des Grafen, der als frustrierter Ehemann eher lächerlich als bedrohlich wirkt.
- Die karnevaleske Komik des tollen Tages, metonymisiert durch Cherubins Figur.
Kernthese
Der Figaro-Stoff illustriert exemplarisch, wie ein und derselbe Komödientext durch unterschiedliche Gattungseinschreibungen, Kürzungen und musikalische Entscheidungen fundamental verschieden wirken kann. Hamburg las den Text als witzige Unterhaltungskomödie, Wien verwandelte ihn zuerst in eine Opera buffa und dann in ein bürgerliches Lustspiel – und dämpfte damit jeweils die für den anderen Kontext charakteristischen Aspekte.
Texte und Noten
La folle journée, ou le mariage de Figaro, Comédie en cinq Actes, en Prose, par M. d. Beaumar- chais, Représentée pour la première fois, par les comédiens françois ordinaires du Roi, le mardi 27avril 1784. Chez Ruault Amsterdam, M.DCC.LXXXV
Abgekürzt als La folle journée und zitiert mit der Sigle B. [F-BNF 8-YTH-7405].
Der lustige Tag, oder Figaro’s Hochzeit: Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Aus dem Französischen des Herrn Caron von Beaumarchais übersezt; Aechte, vom Herrn Verfasser einzig und allein genehmigte, vollständige Ausgabe. Kehl: Müller 1785. [BSB 821807 P.o.gall. 211]
Der närrische Tag, oder die Hochzeit des Figaro; ein Lustspiel in fünf Aufzügen, aus dem Französischen des Herrn Caron von Beaumarchais, Wien 1785. [Übersetzt und bearbeitet von Johann Rautenstrauch].
Figaro’s Heirath: ein Lustspiel in vier Aufzügen; Nach dem Französischen des Beaumarchais von Herrn Schröder; Inspektions Buch, [Mai 1785], [SUB Theater-Bibliothek 210a].
Figaro’s Heirath: Lustspiel in fünf Aufzügen. Nach dem Französischen des Beaumarchais von Schröder; Soufflierbuch, [1787], [SUB Theater-Bibliothek 210b]. Neu ediert in Schröder (2016), Figaro’s Heirath.
Abgekürzt als Figaro’s Heirath zitiert mit der Sigle S.
Parisau (1785): Pierre Germain de Parisau, Figaro’s Reue. Lustspiel in einem Aufzuge / nach dem Französischen des Parisau, von F. L. Schröder. o. O., [nach] 10. Decembr 1785. [Ms. mit eigenh. Erg. Schröders und Streichungen sowie mit einer Rollenübersicht] [SUB Thea- ter-Bibliothek 237].
Neu ediert in Schröder (2016), Figaro’s Heirath.
Zur Hochzeit des Figaro del Sigr C: Hanke. Partitur. Lustspiel in 5 Aufzügen. 1785 Komp. Herrn Johann Christian Brandes zum Andencken. Vom Verfaßer 1786. [Hs. Partitur] [SUB ND VII 167].
Le nozze di Figaro. comedia per musica tratta dal francese in quattro atti: da rappresentarsi nel Teatro di corte l’anno 1786. In Vienna: Presso Giuseppe Nob. de Kurzbek, stampatore di S.M.I.R. [Washington DC, Library of Congress ML48 [S6826]].
Die Hochzeit des Figaro. Ein Schauspiel in Musik in 4. Aufzügen aus dem Französischen her- ausgezogen. Aufgeführet in dem k. k. Nazionalhoftheater. Im Jahre 1786. Wien, bei Joseph Edlen v. Kurzbeck, k. k. Hofbuchdrucker, Groß= und Buch-händler. [Stadt- und Landesbib- liothek Wien, Signatur: A 13.604].
Im Folgenden zitiert mit der Sigle DPD.
Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro. Ein Lustspiel in 5 Aufzügen frey nach Beaumarchais. Von J. F. Jünger für das k. k. National Hoftheater. 1802 [Hs.] [Zensurbuch, Österreichisches Theatermuseum 186 Ser. Nov. 5195].
Johann Friedrich Jünger, Der tolle Tag, oder Die Hochzeit des Figaro. Ein Lustspiel in fünf Auf- zügen, frey nach Beaumarchais von J. F. Jünger. Wien: Wallishauser 1805.
Abgekürzt als Der tolle Tag zitiert mit der Sigle J.